Vergleichstest

Kompakte Zukunft.

Der neue VW Golf startet in seiner achten Generation. Wie schlägt er sich gegen Konzernbruder Seat Leon und den ebenfalls brandneuen Mazda3? Ein Vergleich in sechs Akten.

Er ist automobiler Urmeter und Ikone zugleich – der VW Golf. Der kompakte Volkswagen löste seinerzeit den legendären Käfer ab und läutete eine neue Ära im Automobilbau ein. Alle 40 Sekunden wird weltweit ein VW Golf verkauft, seit 1974 insgesamt 35 Millionen Mal. Über viele Jahrzehnte blieb er das Liebkind vieler Autofahrerinnen und Autofahrer, sein Spitzenreiterplatz bei den Zulassungen war stets eine Bank.

Bis vor Kurzem: Erstmals nach fast vierzig Jahren schaffte es mit dem Skoda Octavia zwar ein Konzernauto, aber doch ein anderes Modell auf Platz 1 der heimischen Zulassungen.

Nun startet der Golf in seiner achten Generation. Wir wollten wissen, was der aktuelle Golf draufhat, und lassen ihn gegen zwei frische Neuankömmlinge in der Kompaktklasse antreten: Seat Leon und Mazda3.

Erster Eindruck. Der Achter-Golf ist optisch kein Experiment, im Vergleich zum Vorgänger um 26 mm länger und knapp 4 cm niedriger. Innen jedoch brennt der Golf ein wahres Technik-Feuerwerk ab: Alles digital alles vernetzt, lautet die Formel.

Aus ähnlichem Holz geschnitzt ist der Leon. Der spanische Bruder des Golf heuer als Sieger beim Großen Österreichischen Automobil-Preis des ARBÖ (Kategorie Start) hervor und greift technisch ins selbe Regal, geht aber gefühlt den temperamentvollen südländischen Weg. Auch hier ein radikaler Wechsel zum Vorgänger – vor allem was die Bedienung angeht.

Der Mazda3 wirkt dagegen fast ein bisserl klassisch. Stilvoll und elegant wirkt die von uns gefahrene „100 Years“-Edition.

 

Mazda3 Skyactiv X - EUR 33.790,–

Motor: R4, Benziner, 1998 ccm
Systemleistung:  132 kW/180 PS
Drehmoment: 224 Nm bei 3000/min
Antrieb: 6-Gang manuell, Vorderrad
L/B/H: 4460/1795/1435 mm
Eigen-/Gesamtgewicht: 1349/1929 kg
Kofferraum: 330–1022 l
0–100 km/h; Spitze: 9,1 s; 206 km/h
Anhängelast ungebr./gebr.:       600/1300 kg
Testverbrauch: 6,5 l/100 km
MVEG-Verbrauch komb.:    6,1 l/100 km
CO2-Emission: 138 g/km

ARBÖ-Fazit:

Plus: Ambiente und Verarbeitung des Interieurs, Bedienbarkeit, toller Saugmotor.
Minus: Sicht nach schräg hinten.

 

 

Sitzprobe: Bitte einsteigen! Der Golf überrascht. Und das nicht immer positiv. Klar bietet er gefühlt den meisten Platz. Selbst hinter langbeinigen Fahrern kann man es im Fond gut aushalten und auch die Kopffreiheit hinten passt. Allein das Ambiente ist nicht selbstverständlich souverän, wie es das in den früheren Generationen immer war. Die verwendeten Softmaterialien auf der Oberseite des Armaturenbretts lenken gut vom im Unterteil verwendeten Hartplastik ab, auch das volldigitale Cockpit und der große Touchscreen wirken mehr bemüht als premium.

Auch im Leon zwickt es nicht, der sportlich flachere Mazda hat hier etwas das Nachsehen. Im Japaner sitzt man vorne eingebettet wie in einem knapp geschnittenen Maßanzug, der gerade nicht zwickt. Auf der Rückbank fühlt man sich durch die ansteigende Seitenlinie und die daraus resultierenden kleinen Seitenfenster doch etwas beengt. Dafür ist sein Interieur ein wahrer Augenschmaus: Leder, Softmaterialien und Verarbeitung wirken hochwertig, dazu die roten Ledersitze der Jubiläumsausgabe – das ist Premium-Feeling.

Bedienung: Dieses Ambiente können die digitalen Cockpit-Welten von Golf und Leon nicht bieten. Hier hat ein radikaler Wandel stattgefunden, denn die Cockpits der beiden VW-Konzernautos sind nun durchwegs digital. Wo der Golf noch einige Direktwahltasten für die Menüs von Klima, Assistenten und Fahrmodi hat, kommt der Leon nahezu ohne jegliche Knopferln aus. Bei VW und Seat werden sämtliche Funktionen mittels Touchscreen gesteuert. Auch neu: Temperatur- sowie Lautstärkeneinstellung erfolgen per sogenanntem „Slider“, eine Art Touch-Feld zum Wischen. Das mag im Schauraum beeindrucken, ist während der Fahrt jedoch wenig hilfreich. Die Trefferquote für die gewünschte Temperatur (oder Lautstärke) lag bei Weitem nicht dort, wie man das im Stand vollbringen kann. Bei allem Verständnis für die Hersteller, die eine Fülle an Funktionen im Auto steuerbar machen müssen: Für die essenziellen Features sind Knöpfe unverzichtbar, das vermag auch keine Sprachsteuerung dieser Welt zu kompensieren. Beispiel Scheiben-Defroster: Beim Seat muss man den Touchscreen zweimal durchsuchen und berühren, um an diese Funktion zu gelangen. Tatsächlich gibt es auch eine Schnellfeuertaste dafür, die sich originellerweise just in dem finsteren Eck des Armaturenbretts befindet,wo sich der – ebenfalls als kapazitiver Drucktaster ausgeführte – Lichtschalter befindet. Was die junge Klientel eventuell schick findet, kann reifere Kunden irritieren.

 

Seat Leon 1,5 eTSI FR - EUR 30.737,–

Motor: R4-Turbobenziner, Mildhybrid, 1498 ccm
Systemleistung:  110 kW/150 PS
Drehmoment: 250 Nm bei 1500–3500/min
Antrieb: 7-Gang-Automatik, DSG, Vorderrad
L/B/H: 4368/1800/1442 mm
Eigen-/Gesamtgewicht: 1361/1900 kg
Kofferraum: 380–1301 l
0–100 km/h; Spitze: 8,4 s; 216 km/h
Anhängelast ungebr./gebr.:       660/1500 kg
Testverbrauch: 6,3 l/100 km
MVEG-Verbrauch komb.:    5,8 l/100 km
CO2-Emission: 132 g/km

ARBÖ-Fazit:

Plus: Agiles Fahrverhalten, pfiffiges Design.
Minus: Die Bedienung über den Touchscreen ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss.

 

 

Ob dieser Fortschritt nicht doch ein Rückschritt ist? Denn sicher ist: So ein Segen ist das Wischen und Tipseln während der Fahrt nicht – die Ablenkung vom Verkehrsgeschehen ist durchaus gegeben. Nach einer kurzen Zeit des Einlernens wird zwar vieles schlüssig, umständlich bleibt es dennoch und wird wohl weiter für Diskussionen sorgen.

Ein weiteres Thema werden auch die Updates sein. Wir wollen dem Golf gewiss nicht unrecht tun, dürfen aber diverse Marotten nicht unerwähnt lassen: Schnelles Losfahren mit allen Funktionen ging gar nicht, da das System viel zu lange zum Starten braucht. Auch eine Rückfahrkamera, die erst nach dem Hochfahren des Systems nutzbar ist, ist gewissermaßen wertlos. Dann auch noch der zeitweise Ausfall diverser Assistenzsysteme, die sich bei einem Neustart wieder wortlos zum Dienst zurückgemeldet haben. Sorry, Volkswagen: Ihr baut wunderbar durch-engineerte Autos, die bestens fahren, genügsam im Verbrauch sind – aber bei der Software im Golf gibt’s echt Verbesserungspotenzial. Es nerven schon Smartphones, die in regelmäßigen Abständen um Updates betteln. Dies hat in einem Auto nichts verloren.

Etwas besser hier der Seat, bei dem die Bedienung zwar genauso fast ausschließlich über das zentrale Touchscreen erfolgt, aber bei dem sich zumindest die Software fehlerfrei zeigte. Bonmot am Rande: Jede der VW-Konzernmarken verfolgt eine andere Bedien-Taktik. Wenn man – beispielsweise – den Seat verinnerlicht hat und in einen VW oder Skoda einsteigt, ist gewiss irgendein Punkt anders. Wir meinen: Das ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss – und wir werden bei den kommenden Facelifts garantiert wieder den einen oder anderen Knopf auf dem Armaturenbrett finden.

In dieser Disziplin küren wir den Mazda zum klaren Sieger. Seine Bedienung ist top! Die kleine Heizungs-Lüftungseinheit ist selbsterklärend und der praktische mittige Dreh-Drück-Knopf für zahlreiche Funktionen liegt ergonomisch bestens.

Kofferraum: In Sachen Kofferraum haben Golf und Leon größenmäßig die Nase vorn, der Mazda schluckt da 50 Liter weniger. Das praktischste Abteil sowie die niedrigste Ladekanten finden sich beim – erraten: Golf. Bei allen drei geteilt umklappbar und bis auf den Mazda auch mit Durchreiche.

 

VW Golf 1,5 eTSI Style - EUR 32.920,–

Motor: R4-Turbobenziner, Mildhybrid, 1498 ccm
Systemleistung:  110 kW/150 PS
Drehmoment: 250 Nm bei 1500–3500/min
Antrieb: 7-Gang-Automatik, DSG, Vorderrad
L/B/H: 4284/1789/1491 mm
Eigen-/Gesamtgewicht: 1380/1880 kg
Kofferraum: 381–1237 l
0–100 km/h; Spitze: 8,5 s.; 224 km/h
Anhängelast ungebr./gebr.:       660/1500 690/1500 kgkg
Testverbrauch: 6,1 l/100 km
MVEG-Verbrauch komb.:    5,9 l/100 km
CO2-Emission: 134 g/km

ARBÖ-Fazit:

Plus: Ausgewogenes Fahrwerk, Platzangebot.
Minus: Siehe Seat.

 

 

Fahren/Motor: Unter der Haube unserer Kandidaten treffen zwei völlig unterschiedliche Ansätze zum Spritsparen aufeinander: Die beiden Konzernbrüder Golf und Leon bedienen sich eines 1,5-l-Turbobenziners mit 150 PS und 48-V-Mildhybrid-Technik (eTSI) samt Zylinderabschaltung und Segelfunktion. Hier wird der Motor beim Gaswegnehmen vom Antrieb gekoppelt und im günstigsten Fall sogar abgestellt: Man rollt lautlos vor sich hin. In Verbindung mit der 7-Gang-DSG, wo die Fahrmodi nun per Mini-Hebel angewählt werden, ist das eine feine Kombination. Das Triebwerk liefert dank E-Boost schon vom Stand weg ordentlich Power und fährt sich durchaus angenehm und kraftvoll, was für Golf und Leon gleichermaßen gilt. Diese unterscheiden sich in der Fahrwerksauslegung. Der Golf funktioniert in allen Lebenslagen, lässt einen in Ruhe, wenn man es will, wehrt sich auch nicht gegen sportliche Manöver, mimt aber mehr den Alltagsgleiter. Der Seat mischt mit seiner strafferen Dämpferabstimmung ein wenig Sportlichkeit dazu, wozu auch die straffere Lenkungskennline passt.

Ähnlich sportlich gibt sich auch der Mazda, dessen Fahrwerk nicht ganz so raffiniert abgestimmt wirkt wie bei den Konzernbrüdern: Kurze Schläge werden weniger weggefiltert, dafür macht mit ihm das Kurvenwedeln am meisten Spaß. Motorisch geht Mazda übrigens auch einen ganz eigenen Weg. Statt auf Downsizing und Aufladung setzt der MazdaMotor auf Hubraum und hohe Verdichtung und verzichtet auf einen Turbo. Sein Skyactiv-X-Motor arbeitet nach dem Prinzip der Kompressionszündung (eine Art Mix aus Otto- und Dieselmotor mit sehr magerem Gemisch) und leistet 180 PS. Der kultivierte Vierzylinder liefert dank Mildhybrid-Technologie auch schon verwertbare Kraft in die unteren Regionen, flotte Beine verlangen aber – wie früher – nach höheren Drehzahlen.

Ausstattung. Der als 100-JahreJubiläumsmodell ausgeführte Mazda ist nur auf den ersten Blick der Teuerste – dieser hat einiges mit an Bord, was bei Seat und VW auf der Aufpreisliste steht. Grundsätzlich sind alle drei auf Augenhöhe, der Golf traditionellerweise eine Nuance teurer. Entscheidet man sich nicht für die Basis, wird einem im Leben nichts fehlen.

Fazit: Alle drei sind Top-Autos. Der Golf dabei der Universellste mit ordentlich Platz, der Leon gibt den modernen Dynamiker und der Mazda den stilvollen Sportler mit klassischer Bedienung. Wer sich aber mit dem digitalen Bedienkonzept schwertut, hat im VW-Konzern bald wenig Alternativen ...