Zeitreise durch die Epochen

Polen. Krakau zählt zu den schönsten Städten der Welt und begeistert mit einer großartigen historischen Altstadt sowie spannenden Zeitzeugen.

Woher kommt plötzlich diese Melodie? Da sind Trompe tenklänge zu hören. Live, voll Inbrunst geblasen, tönt eine Fanfare vom Turm der Marienkirche herab. Doch genauso plötzlich wie begonnen, bricht die Melodie wieder ab. Das ist das akustische Wahrzeichen der polnischen Stadt Krakau: Es erklingt zu jeder vollen Stunde. Was zunächst wie ein sonderbarer Brauch wirkt, ist historisch fundiert – und jene, die die Sache näher erforschen möchten, sind eingeladen, den Turm des gotischen Gotteshauses zu erklimmen. In der Türmerstube trifft man auf den Fanfarenspieler, fünf Angestellte der städtischen Feuerwehr wechseln sich im Dienst ab.

Dereinst im Mittelalter gab der Stadtwächter von oben das Signal zum Öffnen oder Schließen der Stadttore und warnte die Einwohner vor Gefahren. Anno 1241 näherten sich die Tataren. Der Trompeter schlug Alarm, doch sein Signal wurde abrupt abgebrochen: Ein Pfeil der Tataren hatte ihn durchbohrt. Zur Erinnerung an dieses traurige Ereignis wird die Weise bis heute jede volle Stunde geschmettert – und immer an der gleichen Stelle mitten im Stück beendet.

Viel Geschichte. Krakau ist eine großartige Stadt – voll Geschichte und Geschichten. Der einstige Königssitz gehört zweifellos zu den führenden Sehenswürdigkeiten Europas, die einzigartige Altstadt ist UNESCO-Weltkulturerbe. Herz der Stadt ist der Rynek Główny (Hauptmarkt): Mit seinem stolzen Gardemaß von 200 mal 200 Metern gilt er als der größte mittelalterliche Platz der Welt. Hier entfaltet Krakau seine historische Großartigkeit: Rund um den mit Fußgängern und nostalgischen Pferdekutschen belebten Marktplatz gruppieren sich mehr als 40 mittelalterliche Bürgerhäuser und Adelspaläste. In seiner Mitte thronen die mächtigen Tuchhallen aus dem 13. Jahrhundert, die später im Stil der Renaissance umgebaut wurden. Die gotische Marienkirche an der Ostseite lockt neben Turm und Fanfarenbläser auch mit einem wertvollen Altar des berühmten Bildhauers Veit Stoss.

Vom Rynek gelangen Interessierte nicht nur in himmlische Gefilde, sondern auch schnurstracks in die Unterwelt: „Rynek Podziemny“ (Rynek Underground – www.muzeumkrakowa.pl/en) ist ein unterirdisches, interaktives, historisches Erlebnismuseum. In jahrelanger Forschungsarbeit legten hier Archäologen 1000 Jahre Geschichte frei. Deutschsprachige Audioguides entführen in die Vergangenheit und vermitteln die Ereignisse der Stadt hautnah, ansehnlich, düster und sehr beeindruckend.

Am südlichen Rand der Altstadt erhebt sich der Wawelberg mit dem mächtigen Königsschloss samt dreistöckigem Arkadenhof nach italienischem Vorbild. Zu besichtigen sind die königlichen Gemächer, der Kronschatz sowie mehrere Kunstausstellungen. In der gotischen Wawel-Kathedrale fanden bis ins 18. Jahrhundert Polens Königskrönungen statt.

Zeitreise mit dem Trabi. Ein unrühmlicher Teil der Vergangenheit Krakaus ist Kazimierz. Im 14. Jahrhundert wurden die Dörfer unterhalb des Wawelberges zusammengefasst, zur Stadt erhoben und nach König Kasimir dem Großen benannt. In weiterer Folge wurde hier die jüdische Bevölkerung Krakaus angesiedelt und mit einer akkuraten Mauer vom Rest der Stadt abgetrennt. Heute gehört Kazimierz zu Krakau und die Mauer ist geschliffen. Das einstige Ghetto mit nicht weniger als sieben Synagogen erzählt Fakten, die nachdenklich machen: 1938 lebten hier 75.000 Juden, heute sind es nur mehr 200. Seit Steven Spielberg seinen Film „Schindlers Liste“ hier an Originalschauplätzen drehte, erlebt Kazimierz einen (Besucher-) Boom, koschere Restaurants und Cafés reihen sich an Jazzclubs und ausgeflippte Szenelokale.

Noch jüngere Geschichte erleben Besucher im Stadtteil Nova Huta („neue Hütte“): Die Arbeiter-Vorstadt mit gigantomanischen Dimensionen entstammte den Planungsfedern sowjetischer Architekten. Nova Huta war Standort einer forcierten Industrialisierung, ab 1949 lebten in den symmetrisch-monströsen Wohnblöcken die 130.000 Stahlarbeiter des nahen Kombinats und ihre Familien. Das Proletariat sollte die Überlegenheit des kommunistischen Systems in paradiesischen Wohnsituationen zu spüren bekommen. So bot Nova Huta für damalige Verhältnisse enormen Luxus: breite Boulevards, grüne Alleen, Gärten, Zentralheizung, Kinos, Theater, Sportstätten, Badeseen. Zu jedem Haus gehörte sogar eine Tiefgarage – und das, obwohl 1950 gerade mal vier Autos registriert waren.

Apropos fahrbarer Untersatz: Für Auto-Nostalgiker gibt es eine ganz besondere Art, Nova Huta zu erkunden – und zwar bei einer Stadtrundfahrt in einem historischen Trabi samt Chauffeur (www.crazyguides.com). Unsere „Zeitmaschine“ ist ein schwarzer, zweitüriger Trabant 601 Baujahr 1966, 26 PS schwach, die Handschaltung funktioniert nur mit viel Zwischengas. Gurte, Heizung oder gar Klimaanlage? Alles überflüssig in diesem ehemaligen DDR-Gefährt, das das Thema Auto auf ein Minimum reduziert. Das Getöse ist zwar ohrenbetäubend, das Fahrerlebnis samt launigen Erklärungen unseres Guides Maciek aber unvergesslich. Maciek ist überzeugt: Um Krakau zu verstehen, muss man diese Planstadt im Stil des sozialistischen Realismus gesehen haben. Und zwar am besten mit einem Trabi!