Steiler Zahn

Madeira. Wer bei Madeira nur an Blumen und Pensionisten-Reisen denkt, liegt falsch. Die Insel weit draußen im Atlantik ist ein Paradies für Aktivurlauber und Bergfreunde.

F-r-u-t-o d-e-l-i-c-i-o-s-o!“, wiederholt João mit Eselgeduld. Der fahrende Obstbauer am Straßenrand an der Nordküste Madeiras hat sich zum Ziel gesetzt, uns jeden Tag den portugiesischen Namen für drei Früchte beizubringen. Jeden Morgen halten wir vor dem überquellenden, farbenfrohen Vitaminparadies, um uns für unsere Bergtouren mit Proviant einzudecken. Joãos Früchte sind vollreif, von allerbester Qualität und spottbillig. Da greift man gerne zu! Am Vortag lernten wir morango (Erdbeere), maçã (Apfel) und pêssego (Pfirsich). Alles sattsam bekannt.

Heute aber fuchtelt João mit einem grünen Ding herum, das wie die Kreuzung eines langen, dünnen Tannenzapfens mit einem Maiskolben aussieht. „Fruto delicioso“, wiederholt er. Gut, sprachlich haben wir damit kein Problem – aber was bitte ist das? Wir dürfen kosten: ein feines Aroma zwischen Banane und Ananas. Ohne zu wissen was, kaufen wir ihm trotz des recht happigen Preises eine Frucht ab. Zum Abschied zeigt João ein rätselhaftes Schauspiel: Er fasst sich an den Hals, krächzt, hüstelt, räuspert sich. Was, kann man daran etwa ersticken?

Bei der Weiterfahrt im Auto weiß unser Reisehandbuch Rat: Es handelt sich um die Frucht der bekannten Zimmerpflanze Monstera (Fensterblatt, auch Philodendron genannt). Der Kolbenriese ist rar und teuer und kann wegen des hohen Gehalts an Oxalatkristallen die Schleimhäute im Hals reizen. Aha, das wollte João also pantomimisch mitteilen.

Wanderfreuden. Madeira ist ein Paradies für Naturfreunde – nicht nur für Schleckermäulchen, die gerne die Natur kosten, sondern auch für Bergfexe, Genusswanderer sowie Botanikfreunde. Wandern ist das reinste Vergnügen auf der subtropischen, immergrünen, stets üppig blühenden Insel: Da gibt es knackige Gebirgswege, aussichtsreiche Küstenpfade, alte Pflasterstraßen – und natürlich die berühmten Levada-Wanderungen. Levadas sind Bewässerungskanäle, die seit dem 15. Jahrhundert das kostbare Nass in die landwirtschaftlich genutzten Gebiete verteilen, ihr Netz umfasst mehr als 2000 Kilometer!

Stets rauscht das Wasser neben dem Wandersmann, oft enden die LevadaWege bei einem spektakulären Wasserfall oder führen durch kilometerlange, finstere Tunnels. Das macht Spaß! Entlang der Bewässerungskanäle offenbart sich die Pflanzenvielfalt der Insel: Lilien, Eichen, Laurazeen, Lorbeerbäume, Hortensien. Schwindelfreiheit ist allerdings gefragt, denn oft verläuft der Weg auf einer schmalen Mauer über dem gähnenden Abgrund. Doch für Höhenängstliche gibt es einen erfrischenden Ausweg: Schuhe ausziehen und im Wassergraben weiter waten.

Ein unbedingtes Wander-Muss ist die Besteigung des Pico Ruivo, mit 1861 Meter der höchste Berg Madeiras. Der Aufstieg ab dem Parkplatz über einen bestens ausgebauten Weg dauert nur eine gute Stunde. Unmittelbar gegenüber ragen die steilen Felszacken des Nachbar-Pico Arieiro in den Himmel. Die Sicht auf die zerklüftete Bergwelt rundum ist grandios.

Natürlich kommen auch Gartenfreunde und Botanikfans auf ihre Rechnung: Im Osten Madeiras liegt das Naturschutzgebiet Ribeiro Frio mit duftenden Lorbeerwäldern. Zu den schönsten Parkanlagen zählen der tropische Garten von Monte oberhalb der Inselhauptstadt Funchal, der Garten der Familie Blandy sowie der Park in Sitio das Neves mit seltenen hundertjährigen Drachenbäumen.

Madeira ist keine Badeinsel, doch auch Wasserratten werden fündig – bei ein paar künstlich aufgeschütteten Sandstränden (z. B. bei Calheta und Machio) bzw. bei Naturpools in den Küstenfelsen. Berühmt sind die „Piscinas Naturais“ auf der ins Meer ragenden Lavazunge von Porto Moniz. Hier wurde allerdings mit Menschenhand nachgeholfen. Schöner ist der naturbelassene Meerespool in Seixal: Das dunkle Lava-Becken wird von einem pittoresken Felsbogen überspannt.

Emmentaler-Insel. Das Innere der extrem bergigen Insel gleicht einem Schweizer Käse: Ein verzweigtes Straßentunnelsystem durchlöchert Madeira. Massiven EU-Förderungen ist zu verdanken, dass Autofahrer so extrem schnell ans andere Ende des hoch aufragenden Eilandes kommen. Auch zwischen Madalena do Mar und Ribeira Brava wird die Hauptstraße vom Berg geschluckt; die alte Straße hingegen schlängelt sich noch entlang der steilen Küstenfelsen direkt am Ufer. Ein Bad im Meer hier ist wegen des groben Kieses nur mit Badeschuhen möglich, der weit größere Spaß ist die Süßwasser-Naturdusche danach: Ein kleiner Wasserfall rauscht über die von der Sonne aufgeheizte Felswand und verwöhnt mit Solar-Warmwasser. Und sogar das Mietauto darf eine NaturDusche genießen: Ein Stück weiter ergießt sich eine Kaskade mitten auf die Straße. Verspielt wie Kinder nehmen wir jedes Mal diesen Umweg in Kauf, nur um den fahrbaren Untersatz durch die „Waschstraße“ zu chauffieren.