Orientalisches Märchen

Marrakesch. Pralles arabisches Leben, orientalische Pracht und Harmonie, chaotische Altstadt und stille Rückzugsoasen: Das alles ist Marrakesch, eine der vier Königsstädte Marokkos.

Wer das erste Mal nach Mar rakesch reist, braucht starke Nerven – oder sollte auf dasvorbereitet sein, was ihn hier, in einer der vier ehemaligen Königsstädte Marokkos, erwartet. Im engen Gassenlabyrinth der Medina (Altstadt) pulsiert das pure arabische Leben: Händler schreien in den turbulenten Souks (Märkten), Mopeds bahnen sich zwischen den Menschenmassen ihren Weg. Die Luft ist von Abgasen und dem Rauch der Garfeuer geschwängert, gemischt mit dem Wohlgeruch von Gewürzen und Rosenwasser. „Was wollen Sie kaufen?“, die Händler sind geschäftstüchtig und sprechen alle an – auch die, die sich bereits schwer beladen durch den Souk schleppen. Auf eine freundliche Antwort wie etwa „überhaupt nichts mehr“ lachen sie und lassen vom potenziellen Kunden ab.

Die Souks von Marrakesch sind ein wahres, wenn auch anstrengendes Shoppingparadies, die zauberhaften Zutaten für eine 1001-Nacht-Kulisse drängen sich zum Mit-nach-Hausenehmen auf: farbenfrohe Keramik, handgestrickte Berbermützen, Filzpatschen, Seidentücher, zauberhafte Lampen und Laternen, Silberschmuck, „Babouche“-Schuhe, Lederwaren, Gürtel, Gewürze, Körbe und natürlich Teppiche. Feilschen gehört unbedingt dazu. Als Faustregel gilt: Unter der Hälfte des Anfangspreises und erst, wenn der Händler beginnt, grantig zu werden, kauft man günstig. Aber auch wer früher aufgibt, zahlt erstaunlich wenig. Der berühmte Djemma el Fna (Gauklerplatz) am Rande der Altstadt gilt mit seinen gewaltigen Dimensionen als der Platz der Plätze der afro-arabischen Welt: Hier präsentieren sich alle Kulturen Marokkos in einer grandiosen Inszenierung, es tummeln sich Märchenerzähler, Schlangenbeschwörer, Feuerschlucker, Tatoo-Künstler, Wahrsagerinnen, Musikanten, Affen in Windelhose, Orangensaft- und Dattelverkäufer. Untertags ist Jahrmarkt, abends gibt’s arabisches Streetfood: Tagtäglich werden aufs Neue Holzbänke, Tische und Garküchen aufgestellt, es wird gesotten, gebraten und gegrillt. Touristen wie Einheimische sitzen eng an eng und genießen marokkanische Köstlichkeiten zu Spottpreisen. Die Lieblingsspeise der Bevölkerung ist allerdings schwer verdaulich: gekoch te Lammköpfe – im Ganzen samt Augen und Ohren!

Wie aus 1001 Nacht. Das übliche Sightseeing-Programm ist dagegen reinstes Labsal: Welch zauberhafte Pracht, formvollendete Kalligraphie, verspielte Ornamentik, welch himmlische Innenhöfe und leise plätschernde Springbrunnen verbergen sich hinter den dicken Mauern der Paläste und Medersen (Koranschulen). Nach außen hin gibt sich die Medina dreckig, laut und abweisend, in ihrem Inneren aber offenbart sie die wundervolle orientalische Schönheit. Die bedeutendsten Schätze der „Perle des Orients“ (Marrakesch ist übrigens UNESCO-WeltkulturerbeStätte) sind die Koranschule Medersa Ben Youssef, die Saadier-Gräber, das Koutoubia-Minarett (die gleichnamige Moschee ist für Nicht-Muslime nicht zugänglich) sowie der Bahia- und elBadi-Palast.

Von der beeindruckenden, einst 19 Kilometer langen Stadtmauer aus rosarotem Stampflehm (mit 202 rechteckigen Türmen und neun Toren) sind einige Abschnitte bis heute erhalten. Speziell im Winter, wenn die Luft kühl und klar ist, stehen die schneebedeckten Gipfelgiganten des Hohen Atlas zum Greifen nahe dahinter. Ein grandioser Anblick!

Knapp außerhalb der Altstadt laden ungeahnte Grünoasen Ruhesuchende ein. Der Majorelle-Garten wurde einst vom französischen Maler Jacques Majorelle angelegt. 1980 erwarb ihn der Modeschöpfer Yves Saint Laurent und nutzte ihn als Rückzugs- und Inspirationsort. Nach seinem Tod (2008) wurde hier seine Asche verstreut, unlängst eröffnete das „YSL-Museum“.

Das jüngste Garten-Highlight Marrakeschs ist „Anima – die Rückkehr ins Paradies“, eine opulente botanische Inszenierung von André Heller. Der traditionsreiche Jardin Secret nahe des Gauklerplatzes wiederum ist eine Fusion aus orientalischer Garten-Kunst Quasi ein Pflichtprogramm: Besuch des Palais de la Bahia. und arabischer Architektur mit einem gefinkelten, 400 Jahre alten Bewässerungssystem.

Noch tiefere Entspannung bietet nur noch eine traditionelle SeifensackMassage, wie sie in den Hamams (Dampfbädern) der meisten Hotels angeboten wird. Während der Gast auf der warmen Steinbank des Hamams entspannt, wird er von Kopf bis Fuß geschrubbt und massiert. Spätestens jetzt ist er angekommen, mitten im Märchen von 1001 Nacht.