Märchenreise ins Mittelalter

Deutschland. Historische Pracht, Burgen und Schlösser sowie Städtchen wie aus dem Bilderbuch – all das verbindet die Romantische Straße wie Perlen an einer Schnur. Höhepunkt ist das Mittelalter-Idyll Rothenburg ob der Tauber.

Wer vom Süden nach Rothenburg ob der Tauber anreist, für den beginnt das Sightseeing schon vom Auto aus: Im spitzen Winkel geht es von der Hauptstraße rechts ab – und urplötzlich ist man direkt im Mittelalter. Über derbe Pflastersteine geht’s hinein in das Rondell der Spitalbastei, dem mächtigsten – und gleichzeitig jüngsten – Teil der Rothenburger Stadtbefestigung. Wobei „jung“ in Rothenburg das 16. und beginnende 17. Jahrhundert meint. Wir rumpeln über eine Zugbrücke, durch mit Fallgittern bewehrte Burgtore und vorbei an mächtigen Steinmauern mit Wehrgängen und Schießscharten. Im Lauf der bewegten Stadtgeschichte hielt die Spitalbastei wiederholt Feinde ab – wer sie heutzutage passiert, wird als Freund begrüßt.

Die Spitalgasse führt weiter Richtung Marktplatz, dem Herz der Stadt. Am Weg liegt die Hauptsehenswürdigkeit: das Plönlein und der Siebersturm aus 1385. Diese Stadtansicht mit fröhlichbuntem Fachwerk und plätscherndem Brunnen zwischen zwei Stadttoren kennt jeder, ist Millionen Mal fotografiert – und gilt als Inbegriff für märchenhaftes Mittelalter.

Das mittelfränkische Städtchen Rothenburg mit seiner idyllischen Lage oberhalb des Taubertals begeistert mit seiner bilderbuchhaften Idylle Besucher aus aller Welt. Das Besondere: Es ist kein belebtes Museum, sondern ein echtes, quirliges Städtchen – mit Wurzeln im 11. Jahrhundert. Im 3,5 Quadratkilometer großen historischen Zentrum sind aktuell 2700 Einwohner registriert, neben Andenkenläden gibt es Geschäfte für den täglichen Bedarf, in den Cafés treffen sich die Einheimischen zum Plausch – und mischen sich mit den Gästen.

Heuer ohne Trubel. Normalerweise zieht diese gelungene Kombination alljährlich zweieinhalb Millionen Gäste an, und durch die engen Gassen schieben sich die Horden. 2020 ist auch hier alles anders: 70 Prozent weniger Toufreizeitreise risten, speziell die Fans aus Übersee (USA und Japan) lassen völlig aus. Es ist herrlich, jetzt all die pittoresken Sehenswürdigkeiten ohne Rummel erleben zu können. Rund um die Altstadt führt die überdachte, viereinhalb Kilometer lange mittelalterliche Stadtmauer. Ein Spaziergang hier, vorbei an sechs Stadttoren, gewährt die schönsten Ausblicke auf die Altstadt. Noch schöner freilich ist der Blick vom 60 Meter hohen Rathausturm, doch der ist heuer wegen Corona-Maßnahmen leider nur sehr beschränkt zugänglich.

Auch zu ebener Erd’ gibt’s jede Menge zu bestaunen: Wie eine überdimensionale Puppenstube wirkt der Marktplatz mit dem Renaissance-Rathaus, der Ratstrinkstube, dem Georgsbrunnen und der farbenfrohen Fachwerkarchitektur. Die St.-Jakobs-Kirche überrascht mit ihren gewaltigen Dimensionen und gleich drei kostbaren Altären. Am schönsten ist es, sich durch die Gässchen hügelauf, hügelab treiben zu lassen, vorbei an den insgesamt 46 Türmen, an herrschaftlichen Patrizierhäusern, goldenen Zunftschildern, durch wuchtige Stadttore und das ehemalige Judenviertel. Der idyllische Burggarten eröffnet ein schönes Panorama auf das grüne Idyll des Taubertals, die Südseite der Stadt und ihre Weingärten. Indoor überzeugen das Stadtmuseum Rothenburg und das mittelalterliche Kriminalmuseum; eine gehörige Portion Kitsch liefert das Deutsche Weihnachtsmuseum. Wer spätabends noch über genügend Kondition verfügt, dem empfehlen wir die launig-kurzweilige Nachtwächterführung mit so mancher Gruselgeschichte.

Romantisch.Es ist kein Wunder, dass Rothenburg Drehort und Kulisse diverser Filme war: Hier entstanden u. a. Märchen wie „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, Heimatfilme wie „Die Christel von der Post“, der Disney-Klassiker „Chitty Chitty Bang Bang“ und der HollywoodBlockbuster „Die Wunderwelt der Gebrüder Grimm“. Keine Frage: Rothenburg ob der Tauber ist der Höhepunkt der Romantischen Straße, die sich (bestens ausgeschildert) über 500 Kilometer von Würzburg im Norden bis Füssen und Schloss Neuschwanstein im Süden durch Deutschland schlängelt und 28 besonders sehenswerte Orte verbindet. Die beliebteste Ferienstraße unseres nördlichen Nachbarn gibt es in drei Varianten: für Autofahrer und Radsportler sowie als Fernwanderweg.

Viel Schönes entlang der Route. Da gibt es etwa die Barockstadt Würzburg mit ihrem südländischen Flair und der Residenz der Fürstbischöfe (UNESCOWeltkulturerbe). Das mittelalterliche Städtchen Dinkelsbühl gefällt mit seinem geschlossenen Fachwerk-Stadtbild. Die stolze Harburg ist eine der besterhaltenen Burganlagen Süddeutschlands, die Altstadt von Donauwörth ist ebenfalls einen Besuch wert. Weiter geht es über die Fuggerstadt Augsburg, Landsberg am Lech mit mehr als 850 Jahren Geschichte und stolzen Bürgerhäusern bis Schwangau im Süden. Das Dorf der Königsschlösser wird von einem Naturschutzgebiet mit vier spiegelnden Seen vor mächtiger Alpenkulisse umgeben.

Im gigantomanischen Schloss Neuschwanstein des glücklosen Ludwig II., König von Bayern, erreicht die romantische Pracht schlussendlich ihren absoluten Höhepunkt.