Ein Lied geht um die Welt

Salzburger Land. „Stille Nacht! Heilige Nacht!” ist das meistgesungene Weihnachtslied der Welt.

Die Erfolgsgeschichte des UNESCOWeltfriedensliedes liest sich fast wie ein Krimi. Folgen wir seinen Spuren.

Übersetzt in 320 Sprachen und Dialekte; gesungen auf der ganzen Welt; unsterblich dank Interpreten wie Nana Mouskouri, Udo Jürgens, Karel Gott, Andy Borg, Hansi Hinterseer, José Carreras, Frank Sinatra oder Bing Crosby. Crosbys Aufnahme aus 1935 gilt mit 30 Millionen verkauften Tonträgern als dritterfolgreichste Single aller Zeiten. Das ist das weltberühmte Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. Alles begann vor exakt 202 Jahren im Salzburger Örtchen Arnsdorf mit einer Männerfreundschaft und verbreitete sich aufgrund von Kriegen, Naturkatastrophen und glücklichen Zufällen weltweit. Doch der Reihe nach ...

Stadt Salzburg, anno 1792: Am 11. Dezember erblickte ein uneheliches Kind das Licht der Welt. Der unglückselige, ausgestoßene Wurm (er galt damals als „fleischliches Verbrechen“) wurde im Salzburger Dom auf den Namen Joseph Mohr getauft. Übrigens über demselben Taufbecken wie 45 Jahre zuvor W. A. Mozart. Der kleine Joseph entwickelte sich gut, absolvierte das Akademische Gymnasium, verdiente sich ein kleines Zubrot als Sänger und Violinist, besuchte schließlich das Priesterseminar und wurde 23-jährig zum Priester geweiht. Im Herbst 1815 trat Mohr seine erste Stelle als Hilfspriester in Mariapfarr im Lungau an und verfasste ein Gedicht namens „Stille Nacht! Heilige Nacht!“.

Ortswechsel: Im Wallfahrts- und Pilgerort Arnsdorf 20 Kilometer nördlich der Stadt Salzburg lebte und wirkte von 1807 bis 1829 der Lehrer, Mesner und Organist Franz Xaver Gruber. Um sein geringes Einkommen aufzubessern, spielte er im nahen Oberndorf die Kirchenorgel. Ab 1817 war hier ein gewisser Joseph Mohr Priester.

Am Nachmittag des 24. Dezember 1818 überreichte Mohr dem Organisten Gruber sein Stille-Nacht-Gedicht mit der Bitte, es zu vertonen. Gesagt, getan: Noch am selben Abend trugen die beiden am Ende der Christmette das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ vor – zweistimmig und auf der Gitarre begleitet. Eine sehr gelungene Premiere! Die beiden hatten natürlich freizeitreise keine Ahnung, welchen Stein sie damit ins Rollen brachten. Aus der Begegnung der Männer jedenfalls wurde eine Freundschaft, die ihr Leben lang anhielt. Beide kannten und schätzten von klein auf Musik als Balsam für die Seele.

Trost in harten Zeiten. Trost war Weihnachten 1818 dringend nötig: Europa war von Hunger, Not und Krieg (Napoleons Feldzüge) sowie politischen Umwälzungen gezeichnet und steckte seit Jahrzehnten in einer tiefen Krise. Zudem verursachte 1816 eine Naturkatastrophe nie gekannten Ausmaßes einen Dauerwinter in ganz Europa: Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien verfinsterte mit seiner Aschewolke die Sonne. Die Temperaturen lagen auch im Sommer unter null Grad, es regnete und schneite ohne Unterlass und die Ernteausfälle waren komplett. Der traumatisierten Bevölkerung spendete die musikalische Botschaft der göttlichen Liebe und Rettung Trost.

Auf Umwegen erreichte das neue Lied den Orgelbaumeister Karl Mauracher in Fügen im Zillertal und somit die Tiroler Sängergesellschaften – Bauern, die im Winter als fahrende Händler durch ganz Europa tingelten. Um die Kauflaune anzukurbeln, wurden Lieder gesungen – darunter auch „Stille Nacht!“. So galt die tröstliche Weise lange Zeit als Zillertaler Volkslied, speziell die Geschwister Strasser und die Rainer-Sänger brachten es zu beträchtlichem Ruhm. Im Dezember 1832 erklang das Weihnachtslied sogar in der königlich-sächsischen Hofkapelle in Leipzig.

1839 brach das Quartett „The Rainer-Family“ zu einer neunjährigen Konzert-Tournee nach Amerika auf. Natürlich mit „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ im Repertoire. Der Erfolg war gewaltig und ihre Konzertreisen führten anschließend zu nahezu allen Herrscherhäusern Europas sowie Russlands. Über Missionare gelangte das Lied weiter in alle Erdteile.

Weltfriedenslied. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs ereignete sich am 24. Dezember 1914 an der heftig umkämpften Westfront ein pazifistisches Wunder: Tausende Soldaten verschiedener Nationen verbrüderten sich, legten Waffen und Helme nieder und sangen heimatliche Weihnachtslieder. Auch „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ erklang. Der kurze Moment des Friedens blieb leider einmalig: Fortan war Verbrüderung bei Todesstrafe verboten.

Dennoch, das weihnachtliche Wiegenlied gilt mit seiner verbindenden Kraft als Weltfriedenslied und wurde als solches 2011 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Interessierte können bis heute die Geschichte des Liedes sowie die vielfältigen Lebensstationen von Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber an zahlreichen Orten vor allem im Salzburger Land nacherleben: Nicht nur in der berühmten Stille-NachtGedächtniskapelle in Oberndorf, sondern etwa auch in der Stadt Salzburg (Dom, Glockenspiel usw.); in den Stille-Nacht-Museen in Wagrain (Pflegerschlössl), Hallein, Arnsdorf, Mariapfarr oder Oberndorf; am GruberMohr-Gedächtnisweg Arnsdorf; bei Stille-Nacht-Führungen (Salzburg, Oberndorf) und an vielen anderen „Schauplätzen“ mehr.