Die unterschiedlichen Welten Mexikos

Mexiko. Dschungel, Traumstrände, unter- und überirdische Seen, frühe Hochkulturen, pulsierende Metropolen, koloniales Flair und himmelhohe Berge: Es gibt kaum ein Urlaubsthema, das Mexiko nicht bedient.

Erinnert ihr euch an den 21. Dezem ber 2012?“ Guide Jacob schüttelt sich vor Lachen. „Was für einBlödsinn, als alle dachten, der MayaKalender gehe zu Ende und die Welt sei dem Untergang geweiht. Eine völlige Fehlinterpretation!“ Jacob gibt sich in der Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán alle Mühe, uns die fremde, über 1500 Jahre alte Denke der präkolumbischen Hochkultur zu erklären: Ihr numerisches System war kein Dezimal-(Zehner-), sondern ein Zwanziger-System. So gilt die Zahlenfolge 1, 20, 400, 8000, 160.000, ergänzt mit einer Punkt-Strich-Schrift. Alles höchst mysteriös!

Auch ohne Mathematik-Verständnis ist die um 440 gegründete Maya-Stadt Chichén Itzá sehr beeindruckend: Das politische und kommerzielle Zentrum war dem Gott Kukulcán, dem Schöpfer der Erde und der Menschen, geweiht. Die 33 Meter hohe Haupt-Pyramide ist ein Wunderwerk der Astronomie: Die 365 Stufen an der Außenseite verwandeln sich zweimal im Jahr in ein mystisches Schauspiel: Exakt zu den Sonnenwenden stellen die Schatten an der Treppenseite exakt eine Schlange (ein heiliges Tier der Maya) dar.

Teilweise vom Urwald überwuchert, bewahrte Chichén Itzá weitere Geschichtszeugen, etwa den Schneckenturm (einst Observatorium), den Ballspielplatz oder den Tempel der tausend Säulen. Wir trauen unseren Augen nicht, als plötzlich eine Gruppe strahlend weiß gewandeter Pilger trommelnd und die Muschelflöte blasend durch die Szenerie marschiert. Ein Mann trägt ein Gefäß, aus dem der weiße Rauch des Baumharzes Copal steigt, Blumenmädchen umtanzen ihn. Schamanen genießen in Mexiko hohe Popularität, Touristen begegnen ihnen immer wieder.

Ober- und Unterwelt. Die indigene Urbevölkerung glaubte dereinst, die Erde sei flach und viereckig wie ein Pizzakarton. Ihr Weltbild basierte auf drei Ebenen: Himmel, Erde und Unterwelt. Die Götter logieren oben sowie unten und stellen so die Verbindung zwischen Leben und Tod dar. Der Platz für die Menschen ist die Mitte, die Erde.

Zu einer Mexiko-Reise gehört ein Abstecher in die Unterwelt unbedingt dazu – speziell die Halbinsel Yucatán bietet sich dafür an. Ihr flacher Kalksockel ist von unzähligen geheimnisvollen Tropfsteinhöhlen, Grotten und unterirdischen Flussläufen durchlöchert. Diese wassergefüllten Karstlöcher – Cenotes genannt – bilden ein weit verzweigtes, unterirdisches System. Niemand weiß, wie viele Abertausende Cenotes es insgesamt gibt. Für die Maya bedeuteten sie ein mystisches Zwischenreich mit wichtigen Kultstätten, heute sind sie eine riesige Trinkwasser-Reserve und laden zu erfrischenden Bädern ein.

Eine besonders beeindruckende Cenote ist der „Rio Secreto“. Ausgerüstet mit Neoprenanzügen, Sturzhelmen, Stirnlampen, Schwimmwesten und Badelatschen schlittern wagemutige Besucher hinab in die Unterwelt. Das Erlebnis ist unvergesslich: Wir marschieren durch Sand, klettern über Felsen, bestaunen Tropfstein-Formationen und waten oder schwimmen durch glasklares Nass. Als wir im tiefen Wasser des Berginneren treiben, bittet uns Guide Tomás, einen Kreis zu bilden, uns an den Händen zu fassen und die Helmlampen auszuknipsen.

Es ist absolut still und dunkel, ein kohlrabenschwarzes, geräuschloses Nichts. Erleben wir gerade für einen winzigen Moment das Jenseits? Das würde perfekt zu Mexiko, einem Land, das einen unglaublichen Totenkult lebt und allerorts Skelette und Totenköpfe als Dekoration drapiert, passen.

Von allem etwas. Mexiko ist ein extrem vielfältiges Reiseland – mit antiken Ruinenstädten der Maya, Azteken und anderer Hochkulturen, farbenfrohen Städten der spanischen Kolonialzeit, traumhaften Stränden, üppigen Urwäldern, Bergen, Vulkanen und Wüsten. Die 2300 Meter hoch gelegene Hauptstadt Mexiko City ist faszinierend: In der uralten, riesengroßen Metropole zelebrieren rund 22 Millionen Menschen ungehemmte Lebensfreude. Das Centro Historico gefällt mit der barocken Kathedrale, dem Nationalpalast sowie pittoresken Kolonialgebäuden. Über all dem schwebt der schneebedeckte Vulkan Popocatépetl (5460 m).

Einen wahren Rausch der Farben erleben Besucher in den Kolonialstädten. Oaxaca etwa ist seit 1997 UNESCOWeltkulturerbe und hat sich vor Kurzem auch als kulinarische Hauptstadt Mexikos einen Namen gemacht. Mérida wiederum ist die Kolonialperle des Bundesstaates Yucatán, knallbunte Fassaden zieren die historischen Gebäude. An den Wochenenden wird die Altstadt aus dem 17. Jahrhundert für den Verkehr gesperrt. Dann füllen sich die Straßen mit OpenAir-Bühnen, Taco-Ständen und Musikbands.

Im Süden des Landes, in der Mitte zwischen der pazifischen und karibischen Küste, liegt das gebirgige Hochland von Chiapas mit ausgedehnten Wäldern, tosenden Wasserfällen, reißenden Flüssen und tiefen Schluchten, wie etwa dem Sumidero-Canyon. In dieser abgeschiedenen Region gelang es der indigenen Bevölkerung lange, ihren Lebensstil und ihre Traditionen zu bewahren. Gäste dürfen daran teilhaben.