Wir sind ein starker Partner

Im Gespräch: Dr. Peter RezarDer ARBÖ-Präsident über Verkehrspolitik, Mobilität, Investitionen und die Herausforderungen in der Zukunft.

Freie Fahrt:Das heurige CoronaJahr wird in die Geschichte eingehen. Zuallererst: Wie geht es dem ARBÖ, wo liegen die Herausforderungen im Umgang mit COVID?

PETER REZAR: Dem ARBÖ geht es soweit gut. Die Corona-Situation war und ist natürlich eine Riesenherausforderung. Es waren auch im Lockdown im Frühjahr unsere Prüfzentren besetzt, es waren in dieser Zeit aber natürlich auch weniger Pannen zu verzeichnen. Wir haben es dennoch geschafft, unseren Mitgliedern Mobilität in dieser schwierigen Zeit zu garantieren. Insgesamt haben wir diese Zeit sehr gut überstanden, und ich muss wirklich sagen Hut ab vor unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in dieser Krise unsere Mitglieder bestens betreut haben.

Sehen Sie durch die Corona-Krise einen Wandel beim Mobilitätsverhalten?

Auf jeden Fall. Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass jede Form der Individualmobilität zugenommen hat – das Fahrrad ebenso wie das Auto. Um größere Menschenansammlungen zu vermeiden, wurden die Öffis weitestgehend vermieden, und dieser Effekt ist noch immer spürbar. Viele haben durch die Krise neue Mobilitätsformen entdeckt, wir gehen davon aus, dass dies bis zum Ende der Pandemie beibehalten wird. Vorausgesetzt, das Wetter spielt mit, denn sonst bleiben Fahrrad, Scooter und Co. wohl in der Garage. Die Vorzüge des Autos werden gerade in der Corona-Zeit stark geschätzt, dennoch sollte man sich überlegen, ob wirklich jede Fahrt mit dem Kfz auch immer notwendig ist. Da ist eine vernünftige Verkehrspolitik gefragt.

Was erwarten Sie von einer vernünftigen Verkehrspolitik?

Wir sind für ein sinnvolles Miteinander aller Verkehrsteilnehmer. Unter Bedacht der strengen Klimaziele müssen Maßnahmen gewählt werden, ohne dass dabei die Lebensrealitäten und Bedürfnisse der Menschen übersehen werden – eine schwierige Aufgabe. Dies erfordert ein Zusammenspiel aller Verkehrsträger, von den Öffis über die Individualmobilität bis hin zum Güterverkehr. Hier ist es besonders wichtig, den immer stärker werdenden Lkw-Verkehr langfristig auf die Schiene zu verlagern. Das setzt aber auch eine höhere Flexibilität der ÖBB voraus. Auch der preisliche Anreiz muss gegeben sein, damit dies angenommen wird, sonst bleiben die Lkw auf den Straßen. Roadpricing hat ja auch nicht dazu geführt, dass sich die Anzahl der LkwFahrten verringern.

Die Klimaziele der EU sind sehr ehrgeizig. Bis 2030 sollen 55 Prozent Treibhausgase reduziert werden. Wird Autofahren künftig teurer und zum Privileg?

Genau das ist der Punkt. Autofahren darf kein Luxusgut werden. Viele, besonders die Landbevölkerung, sind auf das Auto angewiesen, da das Öffi-Netz am Land nicht mit dem im urbanen Bereich mithalten kann. Wenn Autofahren teurer wird, würde dies vor allem Pendler treffen. Hier werden wir uns genau ansehen, wer zur Kasse gebeten werden soll.

Sprechen Sie etwa von weiteren Steuern, Stichwort MÖST-Erhöhung?

Die Autofahrer werden seit vielen Jahren über Gebühr zur Kassa gebeten. Es ist kein Geheimnis, dass an der Abschaffung des Dieselprivilegs und an der Einführung einer CO2-Steuer gearbeitet wird.

Wir sehen das jedenfalls als Fahrlässigkeit der Regierung, die keine neuen Steuern versprochen hat. Demnach müssen mögliche Überlegungen aufkommensneutral erfolgen.

Eine Erhöhung der Mineralölsteuer kann nur dann infrage kommen, wenn im Gegenzug andere Abgaben im Verkehrsbereich verringert werden.

Was halten Sie vom österreichweiten 1-2-3-Ticket?

Grundsätzlich stehen wir positiv zum 1-2-3-Ticket. Die Finanzierung muss natürlich gesichert sein. Man muss sich genau anschauen, ob die derzeitigen Kosten durch die Einführung des 1-2-3-Tickets nicht erhöht werden und schlussendlich wieder die Nutzer treffen.

Stichwort Straßenbau: Welche Bauvorhaben sind in naher Zukunft von Bedeutung?

Wir erwarten angesichts der Wiener Wahl, dass nun der Lobautunnel rasch realisiert wird. Ebenso die WaldviertelAutobahn, eine leistungsstarke FernpassVerbindung sowie eine Lösung für den immer stärker werdenden Lkw-Verkehr über den Brenner.

Aktuell wird eine massive Erhöhung der Strafen für Raser angedacht. Wie steht der ARBÖ dazu?

Grundsätzlich ist Raserei gefährlich und kein Kavaliersdelikt. Eine der Hauptursachen von Verkehrsunfällen ist nach wie vor überhöhtes Tempo. Hier muss gegengesteuert werden. Wir sollten jedoch eine klare Trennlinie zwischen echten Rasern, die regelmäßig Leib und Leben gefährden, und jenen ziehen, die vielleicht einmal „unabsichtlich“ zu schnell waren, weil sie ein Tempo-100-Schild auf der Autobahn übersehen haben. Sie sollten deshalb nicht gleich als Kriminelle abgestempelt werden.

Der ARBÖ trägt das Fahrrad in seinen Wurzeln. Was tut der Klub für die Radler?

Wir sind seit mehr als 120 Jahren eine starke Vertretung für alle Radfahrer in diesem Land. Besonders am Herzen liegen uns unsere Kinder-Initiativen, wo den Kleinen der sichere Umgang mit dem Rad vermittelt wird. Und natürlich sind wir sehr stolz auf die Erfolge unserer Radsportteams.

Wir haben aber auch spezielle Angebote für Alltagsradler, wie zum Beispiel spezielle Versicherungsangebote und Mitgliedschaften.

Welche Investitionen sind beim ARBÖ in nächster Zeit zu erwarten?

Wir starten im kommenden Jahr eine Investitionsoffensive. So stehen die Neubauten der Prüfzentren in Mattersburg, der Stadt Salzburg, in Wörgl, Wolfsberg, Deutschlandsberg und Wiener Neustadt auf dem Programm für 2021.

Stichwort Elektromobilität: E-Autos sind ja weniger serviceintensiv. Wie wird sich der ARBÖ künftig hier positionieren?

Unsere Techniker sind bestens auf diese neue Technologie geschult. Wir führen auch spezielle Hochvolt-Schulungen für Insti tutionen wie Feuerwehr oder Versicherungen durch. Auch unsere Prüfzentren werden zukunftsfit gemacht und an die neuen Technologien angepasst.

Wo sehen Sie den ARBÖ in 50 Jahren? Wo liegen die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Wenn man heute in die Zukunft schaut, trau ich mich trotzdem vorauszusagen, dass es den ARBÖ auch in den nächsten Jahrzehnten geben wird. Mit anderen Aufgabenfeldern, aber sicherlich auch mit neuen Herausforderungen. Da geht es darum, die neuen künftigen Antriebsformen und -möglichkeiten mit unserem Know-how und unseren Top-Mitarbeitern bestmöglich zu bedienen. Ich sehe da keine Zukunftsangst für den ARBÖ, wir werden weiterhin ein starker Partner für unsere Mitglieder sein.

Bei vielen Pannen ist menschliches Versagen noch immer eine der Hauptursachen – da wird es auch in Zukunft noch einen Pannendienst benötigen. Und vielleicht helfen dann irgendwann auch spezielle Drohnen bei der Panne (lacht) ...

Vielen Dank für das Gespräch.