Stottern am Fließband

Chipkrise. In der Autoindustrie stocken die Bänder wegen winziger, unscheinbarer Teile. Wie Chips die Autogiganten zum Wackeln bringen.

Es sind winzig kleine Teile, die im Verborgenen schlummern, manchmal ehrenvolle Aufgaben und manchmal nur ganz banale Funktionen erfüllen – doch ohne sie geht gar nichts: Chips. Ohne sie würde unser modernes, digitalisiertes Leben nicht funktionieren. Seit Jahren steigt der Bedarf an ihnen, doch seit Beginn der Coronapandemie hat es eine Branche besonders arg erwischt: die Automobilhersteller. Was ist passiert?

Zum einen liegt das an der strukturellen Veränderung in der Autobranche. Selbst konventionelle Verbrenner kommen ohne Chips nicht aus. Moderne Autos sollen immer komfortabler und sicherer werden, was eine Vielzahl an Steuerungsgeräten notwendig macht, in denen besagte Chips sitzen. Kommt jetzt noch der Hybrid- oder Elektroantrieb dazu, steigt der Bedarf noch einmal gewaltig an. Aber nicht nur die Autoindustrie hat einen enormen Bedarf an Halbleitern. Auch die Computer- und Unterhaltungsindustrie giert nach den Teilen. Exemplarisch seien nur die Lieferfristen für die jüngsten Generationen der Spielekonsolen Playstation und X-Box genannt oder etwa Wartezeiten auf aktuelle Smartphones.

Mit Ausbruch der Pandemie wurden durch lokale Lockdowns Lieferketten zerrissen und die Abwärtsspirale setzte sich in Gang: Die Autoindustrie fürchtete, weniger Autos absetzen zu können, und stornierte Bestellungen – was gleichzeitig mehr Kapazitäten für andere Branchen bedeutete. Als die Hersteller merkten, dass der Absatzeinbruch doch nicht so schlimm werden würde, war es bereits zu spät. Jetzt hieß es: bitte hinten anstellen. Viele Chipbauer haben flugs umdisponiert und ihre Produktionsanlagen mit Aufträgen aus anderen Branchen ausgelastet.

Sahara bis Nordpol. Dazu kommt, dass die Autoindustrie ein anspruchsvoller Kunde ist. Automotive-Chips müssen sowohl in der Sahara als auch am Nordpol funktionieren, was etwa für den Chip einer Grafikkarte, die im temperierten Büro im Computer sitzt, nicht gilt.

Weiters nimmt die Autoindustrie nur etwa ein Zehntel des Marktes ein, Firmen wie Apple sind da ganz andere Kaliber. Beim weltgrößten Chipauftragsfertiger TSMC entfielen 2020 nur drei Prozent der Umsätze auf den Automotive-Sektor, dafür gleich satte 51 Prozent auf den Smartphonebereich.

Chips bestehen hauptsächlich aus Silizium, nach Sauerstoff der am häufigsten vorkommende Rohstoff der Erde. Gewonnen wird es zumeist aus Quarzsand. Um reines Silizium zu gewinnen, muss dieser in Schmelzöfen auf bis zu 2000 Grad erhitzt werden, was unfassbar hohe Energiemengen verbraucht. Wie zu erwarten ist China mit rund 64 Prozent Marktanteil der größte Hersteller von Silizium, auf den Plätzen liegen Russland mit 10,4 und die USA mit 5,5 Prozent. Eine der weltweit wichtigsten Regionen für die Förderung von Silizium ist die Provinz Yunnan im Süden Chinas. Mitte September brachte die dortige Provinzregierung per Erlass die Produktion fast zum Stillstand.

Um die Energieziele der Provinz zu erreichen, wurde die Produktion auf zehn Prozent zurückgefahren. Die Folgen: ein mächtiger Anstieg des Preises sowie die Zuspitzung der ohnehin angespannten Situation.

Eine Lösung des Problems wird noch etwas auf sich warten lassen. Bei Intel und Samsung etwa sind Fabriken in Planung oder schon im Bau, bis diese voll in Produktion sind, wird es allerdings noch einige Zeit dauern. Erst vor Kurzem hat Infineon nach dreijähriger Bauzeit eine Chipfabrik in Villach eröffnet. Experten schätzen, dass es weit bis 2023 dauern wird, bis am Automobilsektor Entspannung in Sicht sein wird. In der Zwischenzeit dürfen sich Hersteller Gedanken machen, ob es nicht doch schlauer wäre, bei manchen Bauteilen auf eine Justin-time-Lieferung zu verzichten und Lagerbestände aufzustocken.

Nicht genug, beginnt nun auch ein wichtiger Rohstoff knapp zu werden: Aluminium ...

 

 

„Autoindustrie trifft es am härtesten”


„Die durch die notwendige Umstellung von Verbrennungsmotoren auf elektrifizierte Antriebsvarianten schon sehr unter Druck geratene Automobilbranche, wird durch die Lieferschwierigkeiten bei Halbleitern noch zusätzlich belastet.

Dies führt zu Produktionsausfällen bei fast allen Automobilherstellern weltweit und zu einer noch nie dagewesenen unsicheren Liefersituation. Leidtragende sind nicht nur die Handelsorganisationen, sondern vor allem die Kunden. Auch wenn viele Industriezweige von den fehlenden Kapazitäten bei der Chipherstellung betroffen sind, trifft es die Automobilindustrie wohl am härtesten.

Zwei Gründe sind dafür hauptverantwortlich. Erstens benötigen die modernen Fahrzeuge immer mehr elektronische Teile, und zweitens haben die Automobilhersteller aufgrund der – in dieser Branche üblichen – sehr vagen Abnahmeverpflichtungen gegenüber den Zulieferern kaum eine Möglichkeit, die notwendigen Stückzahlen kurzfristig zu erhöhen.

Allgemein wird damit gerechnet, dass die ,Chip-Krise‘ auch noch das ganze Jahr 2022 andauern wird.”