30.04.14

Falsche Bereifung beeinträchtigt die Fahrsicherheit

Alte Winterreifen „fertig fahren” und Sommerreifen sparen birgt große Gefahren

Heißt im Klartext: Die alten Winterreifen haben es eigentlich überstanden. Gerade noch an der gesetzlich vorgeschriebenen Profiltiefe von vier Millimetern, da zahlt sich das Einlagern gar nicht aus, denn im nächsten Winter sind sie auf jeden Fall unbrauchbar, weil nicht als Winterreifen anerkannt und zugelassen. Aber wegschmeißen? Na, wirklich nicht! Sommerreifen müssen ja nur eine gesetzliche Mindestpofiltiefe von 1,6 Millimetern aufweisen und nirgends steht, dass man im Sommer nicht auch mit Winterreifen mit M+S-Kennzeichnung unterwegs sein dürfte.

Also lassen wir gleich die abgelutschten Winterhammerln drauf und ersparen uns den Kauf von Sommerreifen. „Fertig fahren“ nennen das die Leute, unter deren Vorfahren sich zumindest ein wegen Geizes des Landes verwiesener Schotte und ein japanischer Kamikazepilot finden lassen müssten, denn sicher geht anders.


Testfahrzeug VW Touran mit Goodyear EfficientGrip Performance bzw. Goodyear UltraGrip 8 Performance in der Dimension 205/55 R16.

Goodyear-Tests: Das hat dieser Tage die Testcrew des Reifenherstellers Goodyear bewiesen, die – ausgerüstet mit modernstem Telemetrie-Equipment – gleich in zwei ARBÖ-Fahrsicherheits-Zentren zum Test angetreten ist, in Strasswalchen bei Salzburg und in Ludersdorf, nahe Graz. Der Grund: Fast noch winterliche Verhältnisse im Salzburger Schnürlregen bei 5,5 Grad Lufttemperatur und kaltem Asphalt. Dagegen frühlingshafte 15 Grad und künstlich beregneter Asphalt in Ludersorf.

Die Testanordnung: Vollbremsung bis zum Stillstand auf nasser Fahrbahn aus 70 km/h mit einem nagelneuen VW Touran, der High-Performance-Gummis verlangt. Die Bereifung: Eine Garnitur Winterreifen „Goodyear UltraGrip 8 Per- formance“, Dimension 205/55 R16, gut „abgelutscht“ mit einer Restprofiltiefe von vier Millimetern. Und zum Vergleich ein praktisch neuwertiger, rund 300 Kilometer eingefahrener Sommerreifen „Goodyear EfficientGrip Performance“ der gleichen Dimension.

Das Ergebnis in Strasswalchen bei 5,5 Grad: Zwei Meter kürzerer Bremsweg für den abgefahrenen Winterreifen im Vergleich zum Sommerreifen! Keine Überraschung für den Technik- und Entwicklungs-Fachmann Ing. Andreas Kropf von Goodyear Österreich: „Außentemperaturen von 5,5 Grad, Asphalttemperaturen noch darunter – da kommen die weichere, auf winterliche Verhältnisse ausgelegte Gummimischung und die speziellen Strukturelemente des Winterreifens noch voll zum Tragen.“




Szenenwechsel vom Nordwesten Österreichs in den Südosten, nach Ludersdorf: Gleiche Testanordnung, aber bereits 15 Plusgrade. Die Bewässerungsanlage des ARBÖ-Fahrsicherheits-Zentrums läuft volle Pulle und sorgt für regennasse Fahrbahn. Das Ergebnis in Ludersorf bei 15 Grad: Um ganze vier Meter, also fast um eine Wagenlänge, früher steht der VW Touran mit den Sommerreifen als mit den Winterreifen! Bei diesen Verhältnissen stehen wir aber erst am Anfang der Überlegenheit des Sommerreifens. Bei Temperaturen von 20 bis 25 Grad geht das Fenster zugunsten des Sommerreifens dann richtig auf, da sind bei Vollbremsung aus 70 km/h viel größere Unterschiede im Bremsweg drin.

Und Robert Besch, seit 32 Jahren Instrumentierer und Testfahrer bei Goodyear, legt noch eins drauf: „Da reden wir aber noch gar nicht vom Bremsen aus Autobahngeschwindigkeit und nicht vom Handling. Denn natürlich spielen auch Faktoren wie Seitenführungskraft, Trockenhaftung und Aquaplaningverhalten eines guten Sommerreifens gegenüber einem abgefahrenen Winterreifen in einer ganz anderen Liga.“


Ing. Andreas Kropf, Manager Technical Customer Service, Goodyear Dunlop Tires Austria (links) mit Walter Fabian, ARBÖ Clubmagazin Freie Fahrt

Vorteil des Winterreifens im Winter ist Nachteil im Sommer. Die aktuellen gesetzlichen Bestimmungen erlauben zwar das Fahren mit Winterreifen im Sommer bis zu einer Restprofiltiefe von 1,6 mm. Der Vergleichstest demonstriert allerdings, dass moderne Gummimischungen speziell für die jeweilige Jahreszeit entwickelt sind und ihre Stärke im jeweiligen Temperaturbereich ausspielen. Wintermischungen härten bei tiefen Temperaturen nicht aus, bleiben weich und flexibel, was guten Straßenkontakt ermöglicht. Umgekehrt - bei hohen Temperaturen - schlägt diese Eigenschaft ins Gegenteil um, höherer Abrieb und deutlich längere Bremswege sind die Folge.

„Die heutigen Testbedingungen von 15 Grad stellen nur den unteren Gefahrenbereich dar, denn bei sommerlichen 30 Grad ist der Bremsweg mit Winterreifen noch erheblich länger. Ich warne daher vor dem weitverbreiteten „Fertigfahren“ von Winterreifen unter 4 mm Restprofil im Sommer. Der heute demonstrierte vier Meter längere Bremsweg bei 70 km/h entspricht etwa der Breite eines Fußgängerüberganges. Und, abgesehen von dem Sicherheitsrisiko kann das Sparen bei neuen Sommerreifen eine weit höhere Investition für die Reparatur der Fahrzeugfront mit der heutigen aufwändig verbauten Technik nach sich ziehen“, warnt Goodyear-Experte Ing. Kropf.

Fazit: Bei der „Risikoanlage“ abgefahrener Winterreifen im Sommer kann man durch die Einsparung eines Reifensatzes bestenfalls kurzfristig an die 400 Euro gewinnen, warnen die Experten von ARBÖ und Goodyear. „Aber es kann auch um ein Vielfaches teurer werden, schon durch leichte Schäden an der Front mit der heutzutage verbauten Technik wie z.B. Einparksensoren; von menschlichem Leid, Unfallfolgen und Stress ganz zu schweigen. Die Empfehlung des ARBÖ ist daher ganz eindeutig: Wer’s bis jetzt noch nicht getan hat, sollte schleunigst auf Sommerreifen wechseln“, so Walter Fabian vom ARBÖ abschließend.

Der gemeinsam durchgeführte Test ist Teil der Zusammenarbeit für mehr Sicherheit des weltweiten Reifenherstellers Goodyear und dem Auto-, Motor- und Radfahrerbund Österreichs (ARBÖ).

Das Video zum Vergleichstest finden Sie ARBÖ-TV.